„Ostrecht in Deutschland – überholt oder nötiger denn je?“ – Vortrag von Antje Himmelreich in Dresden

Am 23. Juli 2026 war unsere wissenschaftliche Referentin für den postsowjetischen Raum, Antje Himmelreich, zu Gast in der Villa Lingner in Dresden. Auf Einladung der DGO-Zweigstelle Dresden und des Dresdner Osteuropa-Instituts (DOI) sprach sie vor rund 25 Zuhörer:innen zum Thema „Ostrecht in Deutschland – überholt oder nötiger denn je?“.

In ihrem gut anderthalbstündigen Vortrag zeichnete Antje Himmelreich zunächst die wechselvolle Geschichte der deutschen Ostrechtsforschung nach, von ihren Anfängen nach dem Ersten Weltkrieg über die Instrumentalisierung im Nationalsozialismus und die Systemforschung im Kalten Krieg bis zur Transformationsforschung nach 1989/91. Anschaulich beschrieb sie, wie nach und nach die Institute und Lehrstühle trotz großen Bedarfs an Forschung zum osteuropäischen Recht aus finanziellen Gründen, zuletzt dieses Jahr in Kiel, geschlossen oder nicht mehr ostrechtlich besetzt wurden. Das Institut für Ostrecht in Regensburg ist daher heute das letzte klassische Ostrechtsinstitut in Deutschland.

Dass es das Fach dennoch, oder gerade deshalb, mehr denn je braucht, machte Himmelreich im zweiten Teil ihres Vortrags deutlich: Der EU-Beitrittsprozess der Ukraine und der Republik Moldau, die Entwicklungen in Ungarn, Polen und der Slowakei sowie nicht zuletzt der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine werfen drängende rechtliche Fragen auf, deren Beantwortung fundierte Regionalexpertise erfordert. Besonders eindrücklich war ihr Plädoyer dafür, sich trotz der „Zeitenwende“ weiterhin wissenschaftlich mit dem russischen Recht auseinanderzusetzen, um Funktionsweise und Ideologie des gegenwärtigen politischen Systems zu verstehen.

Das große Interesse des Publikums zeigte sich in der anschließenden, ausgiebigen Diskussion, in der viele Fragen an die Referentin gerichtet wurden.