Für die kommenden fünf Monate begrüßt das Institut für Ostrecht Professor Dr. Yevhen Pysmenskyi aus der Ukraine als Gastwissenschaftler. Der Forschungsaufenthalt wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen des Programms „Zukunft Ukraine“ gefördert und dient der Vertiefung des wissenschaftlichen Austauschs zwischen der Ukraine und Deutschland im Bereich des Strafrechts.
Yevhen Pysmenskyi ist Professor am Lehrstuhl für Strafrechtspolitik und Strafrecht am Rechtsinstitut der Nationalen Universität Taras Shevchenko Kyjiv. Sein juristisches Hochschulstudium absolvierte er an der Luhansker Akademie des Innenministeriums (2003), promovierte 2009 zum Dr. jur. und 2014 an der Nationalen Universität Taras Shevchenko Kyjiv zum Dr. hab. 2017 wurde ihm der Professorentitel verliehen.
Von 2011 bis 2024 leitete er strafrechtliche und polizeirechtliche Lehrstühle an der Luhansker Staatlichen Universität für Innere Angelegenheiten E.O. Didorenko sowie an der Donezker Staatlichen Universität für Innere Angelegenheiten. Von Oktober 2024 bis August 2026 war er zudem als Professor an der Universität König Danylo in Ivano-Frankivsk tätig.
Professor Pysmenskyi ist Autor zahlreicher Monografien und Fachaufsätze, darunter Kriminalrechtlicher Schutz des Waldes in der Ukraine (Kyjiv 2023), Strafrechtliche Probleme der Bekämpfung kollaborativer Tätigkeit (Kyjiv 2024) sowie Die Strafrechtspolitik der Ukraine unter dem Einfluss kriegsbedingter Faktoren und ihre Widerspiegelung in der Expertenmeinung (Kyjiv 2025). Er ist Mitglied des beratenden wissenschaftlichen Rats beim Obersten Gericht der Ukraine, Mitglied des Präsidiums der Allukrainischen Vereinigung für Strafrecht und gehört mehreren Expertengruppen an.
Mit dem IOR ist Professor Pysmenskyi bereits durch frühere Aufenthalte verbunden: Im Mai 2024 hielt er im Rahmen eines Seminars des Instituts in Regensburg einen Vortrag zur sowjetischen Vergangenheit der Ukraine und ihrer strafrechtlichen Aufarbeitung. Im Oktober 2025 sprach er auf der Jahreskonferenz des „Denkraum Ukraine“ der Universität Regensburg über den strafrechtlichen Umgang mit kommunistischer und nationalsozialistischer Propaganda in der Ukraine und war ebenfalls im Oktober einer der Leiter des Workshops und Seminars „Ukraine’s EU Accession Process: Establishing and Securing Rule of Law Structures in the Long-Term“.
Am IOR forscht Professor Pysmenskyi zum Thema „Strafjustiz unter Druck: Der Einfluss populistischer, medialer und anderer konjunktureller Faktoren auf die Strafrechtspolitik in der Ukraine und in Deutschland“. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass Strafrecht zunehmend nicht durch Dogmatik, sondern durch elektoralen Druck, mediale Zyklen und Populismus geprägt wird – ein Phänomen, das in der angloamerikanischen Forschung bereits untersucht wurde, dessen Dynamik in kontinentaleuropäischen Rechtsordnungen jedoch weitgehend unerforscht bleibt. Diese Lücke schließt das Projekt durch einen Vergleich der Strafrechtspolitik der Ukraine und Deutschlands, zweier Staaten der romanisch-germanischen Rechtsfamilie, die auf ähnlichen Druck unterschiedlich reagieren: Während Deutschland dank dogmatischer Traditionen und verfassungsgerichtlicher Kontrolle institutionelle Stabilität zeigt, ist in der Ukraine unter den Bedingungen des Krieges und einer Vertrauenskrise konjunkturell motivierte Kriminalisierung zu einer verstetigten Praxis geworden. Untersucht werden dabei sowohl die Mechanismen, durch die dieser Druck in den Gesetzgebungsprozess eindringt, als auch die institutionellen Barrieren, die ihm entgegenwirken – methodisch gestützt auf rechtsvergleichende Analyse, Diskursanalyse von Gesetzgebungsmaterialien, Inhaltsanalyse der Medien und Experteninterviews.

